Kritik und Risiken
Auf dem Boden der Tatsachen bleiben - Warnung vor Realitätsverlust und blindem Idealismus, Fanatismus und unkritischer Folgsamkeit bei Anhängern “spiritueller” Organisationen
7. Kritik und Risiken
Es hat sich gezeigt, dass Menschen, die über Lehrer der Transzendentalen-Meditations-Organisation (TMO) in die TM eingeführt werden, verstärkt dazu neigen, die Erfahrungen der Meditation ideell zu überhöhen - mitunter bis hin zu fanatisch eingeengtem Tunnelblick und teilweisem bis starkem Realitätsverlust - sektiererisches Gebaren inklusive. Allerdings wirken diese ideell überladenen bis fanatisch übersteigerten Vorstellungen und Äußerungen auf die meisten Menschen unglaubwürdig.
Im Unterschied dazu hat sich unser seit 40 Jahren bewährter Ansatz der Meditationsvermittlung durch verbesserte Gesundheit, gesteigerte Lebensqualität und realitätsangemesseneres erfolgsorientiertes Handeln als Resultat regelmäßiger Meditationspraxis in unseren wissenschaftlichen Begleitstudien als richtig und sinnvoll bestätigt (Fehr, 2003).
Zum Thema: Soziale Erwünschtheit bei Praktizierenden spiritueller Techniken: Selbsttäuschung, impression-management und die Frage der Offenheit für die Wahrnehmung des eigenen Befindens - am Beispiel von TM-Meditierenden.
Zusammenfassung
Eine Querschnittuntersuchung, die mit Unterstützung Maharishi Mahesh Yogis an 360 TM-Praktizierenden anläßlich eines großen Meditationskurses in Kössen 1972 durchgeführt wurde, weist auf ein Phänomen, das in ähnlicher Weise auch für andere spirituelle Gemeinschaften typisch ist. Die verbesserte Befindenseinschätzung war nur bei einem Teil der Meditierenden auf regelmäßige Praxis der Meditationstechnik zurückzuführen. Bei 168 (= 47 Prozent) der Probanden - den im Antwortverhalten eher unkritisch-Verschlossenen - fanden wir (Fehr, 2002 [1]) mit fortschreitender Meditationsdauer von einem bis zu über zehn Jahren Praxis mit wenigen Ausnahmen kaum bedeutende Unterschiede in der Selbstbeschreibung. Die Gruppen unterschiedlicher Meditationsdauer dieser Praktizierenden beschrieben sich im wesentlichen als stets ähnlich positiv und machten damit sich selbst (Selbsttäuschung) und der Aussenwelt (impression-management) etwas vor.
Die andere Hälfte (192 Pbd. = 53%) der Gruppe - die im Antwortverhalten Offenen bis Selbstkritischen - zeigten wesentlich weniger positive Selbsteinschätzungen in der Anfangszeit ihrer Meditationspraxis. Dafür unterschieden sich die Befindensbeschreibungen der Gruppen unterschiedlicher Meditationsdauer deutlich in ihren Werten. Je länger diese Teilnehmer meditiert hatten, desto positiver fielen die FPI-Werte aus (“Treppeneffekt”).
Knapp die Hälfte der Meditierenden unterlag einer solchen Tendenz zu Selbsttäuschung und impression-management (“Eindruck machen”) bei der auf die Meditationswirkung bezogenen Einschätzung ihres Befindens. Diesen Probanden ist ein defensiver Persönlichkeitsstil zu eigen, für den Selbsttäuschung verbunden mit Abwendung der Aufmerksamkeit von selbstkonzeptbedrohlichen Informationen und Reduzierung des Realitätskontaktes (durch Leugnung, Verdrängung, Idealisierung etc.) eine grundlegende Bewältigungsstrategie darstellt.
nach: Fehr, T. (2002) Die modifizierende Wirkung sozialer Erwünschtheit in der psychologischen Selbstbeschreibung Praktizierender spiritueller Techniken am Beispiel der Transzendentalen Meditation. Report Psychologie, 27(1), 22-31) In dieser Studie wiesen wir nach, dass der von uns verfolgte Ansatz einer realitätsorientierten Vermittlung der Meditation ihre Effektivität und damit ihren Nutzen für den Einzelnen erhöht.
Ausführliche Darstellung der Ergebnisse und ihrer Interpretation:
Bei 47% der Probanden einer Querschnittuntersuchung an 360 Praktizierenden der Transzendentalen Meditation mit dem Freiburger Persönlichkeitsinventar FPI wurde eine signifikant verringerte Offenheit im Normvergleich gefunden. Die dissimulierenden Meditierenden dieser Studie beschrieben sich zwar überwiegend positiv, hatten aber nur wenig nennenswerte Effekte aufzuweisen, die mit der Meditationsdauer in Zusammenhang standen.
Bei dieser Gruppe dissimulierender Meditierender konnten in allen Skalen mit Ausnahme „Extraversion“ zwar durchgängig signifikant positivere Selbsteinschätzungen verglichen mit den „Offenen“ festgestellt werden. Es ließen sich jedoch bei ihnen nur wenige nennenswerte Befindensunterschiede zwischen Kurz- und Langzeitmeditierenden nachweisen, was in Bezug auf die Meditationsdauer, falls von dieser ein systematischer, mit der Zeit kumulierender Wirkeffekt behauptet würde, zu erwarten gewesen wäre. So gibt es einen signifikanten Unterschied zwischen FPI-Werten der 1-2;11 Jahre (Meditationsdauer: Gruppe 3) und der über 3 Jahre (Meditationsdauer: Gruppe 4) Praktizierenden in Nervosität, Gelassenheit und Maskulinität, dagegen gibt es unerwarteter Weise keine bedeutsame Differenz in Nervosität zwischen Meditationsanfängern (Gruppe 1) oder mäßig Fortgeschrittenen (Gruppe 2) und den Langzeitmeditierenden (Gruppe 4). Signifikante Differenzen zwischen den Befindensbeschreibungen der Meditationsanfänger und denen der Langzeitmeditierenden sind nur in zwei Skalen - Gelassenheit und Maskulinität (Robustheit) - festzustellen. Insgesamt machen die Selbstbeschreibungen einen übertrieben positiven - idealisierten - Eindruck. Die Qualität des übertrieben positiv beschriebenen Befindens bleibt also insgesamt über die Jahre relativ konstant und verändert sich mit der Meditationsdauer kaum. Insofern stellt sich die Frage, inwiefern es sich hierbei überhaupt um einen Meditationseffekt handelt, von dem ja zu erwarten wäre, dass er mit der Praxis (Dauer) der Meditation (im Laufe der Jahre) Veränderung erfährt.
Bei der anderen Gruppe von 53% offenen bis selbstkritischen Meditierenden zeigten die Langzeitmeditierenden im Vergleich zu den Kurzzeitmeditierenden gemäß ANOVA signifikant günstigere Werte in acht Skalen des FPI: Nervosität, Depressivität, Erregbarkeit, Geselligkeit, Gelassenheit, Gehemmtheit, Neurotizismus und Maskulinität. Die Ausgangswerte der offenen TM-Praktizierenden zu Beginn der Meditationszeit waren wesentlich weniger positiv verglichen mit denjenigen der 47% dissimulierenden Probanden.
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Verschiedene Gruppenkontraste mit unterschiedlichem Ausgangsniveau der Werte in FPI Offenheit - überdurchschnittlich, durchschnittlich, unterdurchschnittlich - machten den Einfluß der sozialen Erwünschtheit (Selbsttäuschung und impression management) auf die Selbstbeschreibung des Befindens bei Meditierenden deutlich. Ein überraschend hoher Prozentsatz von 47% der Praktizierenden der Transzendentalen Meditation - die im Rahmen der von der TM-Bewegung angebotenen Programme die Meditation erlernen - unterliegen in der Selbsteinschätzung ihres Befindens starken Tendenzen, ihre Befindensbeschreibung den erwünschten Normen der Bezugsgruppe anzugleichen. Dies führt zu einer Fehleinschätzung des eigenen Befindens und zu einer fast vollständigen Abkoppelung der Befindensbeschreibungen vom Einfluß der Meditationsdauer und eines etwaigen (mit der Meditationspraxis kumulierenden) Meditationseffektes, der bei dieser Teilgruppe nur marginal bleibt.
Als Vorbedingung erfolgreicher Meditation ergibt sich damit eine hinreichend offene bis selbstkritische Einstellung, die bei einem Erlernen der Meditation im Rahmen der von der TM-Bewegung angebotenen Programme nur bei etwa 53% der Meditierenden gegeben ist. Bei den restlichen 47% Praktizierender sind expansive und überwertige kognitive Gedankengebäude unter anderem Ausdruck von Selbsttäuschung und impression management infolge teilweise erheblicher Wahrnehmungsverzerrungen im Realitätsbezug. Berücksichtigt man zusätzlich die durchgängigen Tiefstwerte TM-Praktizierender in der Skala “Dominanzstreben”, also die betont tolerante, gemäßigte Einstellung der meisten TM-Praktizierenden, so läßt sich sagen, dass etwa der Hälfte der Praktizierenden der Transzendentalen Meditation in der TM-Bewegung ein defensiver Persönlichkeitsstil zu eigen ist, für den Selbsttäuschung verbunden mit Aufmerksamkeitsabwendung von selbstkonzeptbedrohlicher Information eine grundlegende Bewältigungsstrategie (Pauls, 2000)darstellt.
Es stellt sich angesichts dieser Erfahrungen die Frage, wie die Art der Vermittlung von Meditation denn günstiger Weise beschaffen sein sollte, um die tatsächlich erreichten Meditationseffekte nicht von vorneherein in einer mangelnd offenen und kritischen Selbsteinschätzung - also durch impression management, Beschönigung und Selbsttäuschung - untergehen zu lassen. Hier fällt die starke programmatische und ideologische Ausrichtung vieler TM-Anhänger - stellvertretend für andere ähnliche Gemeinschaften - in heutiger Zeit auf, die im Grunde gar nichts mit der eigentlich vertretenen Lehre des Advaita Vedanta von Shankara zu tun hat, die eine beispielhaft tolerante Philosophie darstellt.
Ursprünglich erstrebte Ziele wurden im persönlichen Erleben vieler Meditierender der TM-Organisation nicht wie erhofft verwirklicht. Dies bringt möglicherweise viele spirituell Praktizierende in Gefahr oder Versuchung, zur Reduktion der entstehenden kognitiven Dissonanz zwischen hohem ideellen Anspruch, propagierten und angestrebten Zielen einerseits und der deutlich davon verschiedenen eigenen Erfahrungsrealität andererseits sich auf die proklamierten kognitive Konzepte zu fixieren, festzuklammern. Dabei wird zugleich die Ebene der eigenen persönlichen Meditations- und Lebenserfahrungen, die persönliche und soziale Realität, die mitunter in einigem bis hin zu krassem Gegensatz zu den verkündeten Visionen und Konzepten steht, verlassen, übersehen oder negiert. Es kommt bei einem erheblichen Prozentsatz der Praktizierenden zu einer Verzerrung der Realitätswahrnehmung bis hin zu partiellem Realitätsverlust bezüglich der eigenen realen Lebenssituation: „Abheben“, „Abgehobenheit“. Auch in der TM-Bewegung werden - wie in anderen Bewegungen auch - teilweise überwertige Begriffe und überzogene kognitive Konzepte kultiviert. Es wäre daher nicht korrekt, dies Phänomen einer kompensatorisch übersteigerten fixierten ideologischen Überzeugung als “TM-typisch” zu kennzeichnen, denn es findet sich in analoger Form in praktisch jeder Glaubens- oder Wertegemeinschaft.
Im Falle der TM und anderer Meditationsgemeinschaften kann dies Ausdruck sein einer für die Meditationspraxis des einzelnen selbst eher ungünstigen Tendenz reduzierter Realitätsorientierung und Realitätsprüfung - verkopfte überdimensionierte Ideen, expansive Kognitionen konkurrieren mit der Aufrichtigkeit gegenüber der eigenen meist bescheideneren Erfahrung und den persönlichen Lebensumständen, welche solch überdimensioniertes Ideengut nur selten adäquat repräsentieren oder glaubhaft in die Öffentlichkeit transportieren und vermitteln können.
Die Eckpunkte dieser „Gefahrenbereiche“ werden in solchen Gemeinschaften meist markiert durch
- die Tendenz zur Fixierung auf überwertige und expansive kognitive Lehrsysteme und Gedankengebäude (anstelle Erfahrungsorientierung)
- die Tendenz zur Selbsttäuschung und impression-management, was die Meditationswirkung im persönlichen Leben anbetrifft, mit anderen Worten der Tendenz zur Realitätsverlust / Realitätsleugnung.
Wir konnten zeigen (Fehr, 2003) dass es mit dem von uns verfolgten Ansatz möglich ist, Transzendentale Meditation (TM) so zu vermitteln, dass die Effektivität des Praktizierens durch erfolgreiches weil realitätsorientiertes Handlungsmanagement bestätigt wird.
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